Macht doch nicht so ein Gedöns um Gibson

Der König ist tot – es lebe der König

Ja, wir haben es inzwischen alle mitbekommen: Gibson ist pleite. Ein Monument wankt, schrieb ein Freund von mir. Vielleicht stürzt das Monument sogar – was keineswegs ausgemacht ist –, aber: was soll’s?

Viele Worte wurden geschrieben, um zu erklären, warum Gibson dahin gekommen ist, wo der Traditionshersteller jetzt steht. Vieles davon ist sicherlich richtig, und wer ein Gespür für die Instrumente an sich besitzt, hat seit Jahren mit ansehen müssen, wie die Firma in den Abgrund spiraliert. Die Verarbeitungsqualität ist schon lange den Preis nicht mehr wert, die Instrumente wurden nicht nur immer billiger, sie wirken auch so. Klar, es sind auch immer wieder hervorragende Gitarren darunter, aber das scheint eher Zufall zu sein.

Sinkende Sterne

Warum das so ist, darüber könnte ich nur spekulieren, will es aber nicht wirklich. Vielleicht ist es Gewinnmaximierung, vielleicht die falsche Reaktion auf neue Markanforderungen – das mögen andere analysieren. Fakt ist, dass der Stern von Gibson schon eine Weile im Sinken begriffen ist – mangelnde Fertigungsqualität, Untersuchungen wegen möglicherweise illegaler Edelholzverwendung, eine am derzeitigen Markt vorbeigehende Modellpolitik … Gut, letzteres ist bei Gibson schon öfters passiert und hat der Gitarristenwelt in der Retrospektive einige schön schräge Perlen beschert. Außerdem werden sich die Älteren unter uns erinnern: Eine Zeit lang wollte kein Mensch mehr eine Les Paul spielen, damals, in den 1960er-Jahren.

Marktwirtschaft im Stresstest

Die von oben verordnete Stimmungskanone kommt nicht bei allen Gitarristen gut an.

Vor etwa zehn Jahren kündigte Gibson dann die Verträge mit seinen deutschen Vertrieben, arbeitete im Direktvertrieb und schaltete auch erst mal keine Anzeigen in den Fachmagazinen. Das kam weder bei den Vertrieben noch bei der Presse gut an, die seit jeher nach der Devise „Test gegen Anzeige“ arbeitet. Das und die rigiden Verträge, die die handverlesenen Stützpunkthändler mit Gibson schließen mussten, umgaben die Firma mit einer ziemlich arroganten Aura. Gibson war das wurscht, sie sind davon ausgegangen, dass alles, was den Namen „Gibson“ auf der Kopfplatte trägt, sich verkaufen wird wie geschnitten Brot. Und so war es ja auch.

Nur wo Gibson drinnen ist …

Dennoch: Unter Insidern galt schon seit Jahren die Devise: Wenn man eine gute Gitarre will, muss man eine gute Gitarre kaufen. Das kann sogar eine Gibson sein. Wenn man hingegen eine Gibson will, muss man eine Gibson kaufen. Dagegen ist absolut nichts einzuwenden, wenn man sich bewusst ist, dass man speziell für den Namen Gibson zahlt – und viele Gitarristen sind genau dazu bereit. Die Wahrscheinlichkeit, dass man eine gleichgute Gitarre, die praktisch identisch aussieht, und die nur einen anderen Namen trägt, für wesentlich weniger Geld bekommt, ist allerdings extrem hoch.

… steht auch Gibson drauf

Donovans Signature-Gibson: Peinlich! Wann habt ihr das Lackieren verlernt?

Gibson lebt schon lange vor allem von seinem Namen. Eine Les Paul oder eine ES-335 von Gibson (und nur von Gibson) ist nach wie vor für viele Gitarristen das Traumgerät schlechthin, auch wenn andere Hersteller schon lange die weitaus besseren Les Pauls bauen. Das hat nicht einmal etwas mit Gitarrenbauerkunst zu tun, sondern nur mit sorgfältiger Programmierung. Wir sprechen hier von Seriengitarren, die aus einer Holzplanke mittels einer CNC-Fräse herausgeschnitten werden. Konstruktive Geheimnisse gibt es keine, denn wir kochen alle nur mit Wasser!

Rechenexempel für Leichtgläubige

Wenn man auf seine Gitarre einen „Made in USA“-Sticker aufbringen will, wenn ein Produkt dann eine bestimmte Preismarke nicht überschreiten soll, und wenn man sich den Namen auch noch bezahlen lassen will, dann muss man bei gegebenen Lohn- und Rohstoffkosten irgendwo Abstriche machen. So kann sich jeder selbst ausrechnen, welche Instrumentenqualität bei einem Preis von deutlich unter 1.000 Euro für die billigste Les Paul am Ende übrig bleibt.

E-Gitarre in der Krise? Möglicherweise Quatsch

Relic geht immer: Marc Bolans Signature-Gitarre.

Übrigens: Vom Ende der Firma Gibson pauschal auf das Ende der E-Gitarre zu schließen, ist natürlich Unsinn – die Gibson-Pleite hat damit nichts zu tun. Es ist allerdings genauso Unsinn, diverse gut bestückte Veranstaltungen mit den Begriffen „Days“, „Grail“ oder „Summit“ im Namen zum Beweis des Gegenteils herzuziehen. Das sind Äpfel und Birnen. Wer wissen will, wie es der E-Gitarre tatsächlich geht, der komme gefälligst aus seiner Filterblase heraus und frage beispielsweise die Kids oder die Musiklehrer. Aber das nur nebenbei.

Pleite als Chance

Ich stelle die kühne Behauptung auf, dass Gibson nichts Besseres passieren konnte, als pleite zu gehen. Wohlgemerkt: Nicht Gibson ist pleite, sondern der derzeitige Inhaber der Namensrechte. Der Name Gibson ist schon immer ein wohlklingender gewesen, auch wenn in letzter Zeit alles daran gesetzt wurde, um diese Reputation nachhaltig zu schädigen. Glücklicherweise also ist Gibson (die Firma) pleite, bevor Gibson (der Name) einen dauerhaften Schaden nehmen konnte.

Make Gibson Great Again!

Na also, es geht ja doch! Diese Hummingbird ist eine tolle Gitarre mit einem wirklich guten Sound.

Gibson als Marke ist viel zu wertvoll, als dass man sie eingehen lassen würde. Irgend jemand wird die Namensrechte kaufen. Irgend jemand wird weiterhin Gibson-Gitarren bauen. Dieser Jemand könnte sogar ein Hersteller sein, der schon seit Jahren exzellente Les Pauls baut, damit aber nicht den eigentlich verdienten Erfolg hat. Er müsste dann nur die Kopfplatte mit dem Logo austauschen – womit dann hoffentlich auch dem Letzten klar sein wird, dass eine gute Gitarre eine gute Gitarre ist, egal welches Logo auf der Kopfplatte steht.

Wer aber immer dieser Jemand sein wird, möge mir einen Gefallen tun: Behandelt den Name mit dem Respekt, der ihm gebührt!

Jürgen Richter

 

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